Als Dolmetscherin und Übersetzerin beschäftige ich mich gerne mit Sprache und der Bedeutung von Wörtern. Wie schön, dass treffende Worte zu finden auch in meiner zweiten Herzensache, der gewaltfreien Kommunikation (GFK), hilfreich ist. Mein Forscherinnendrang hat mich dieses Mal dazu geführt, mir genauer anzuschauen, was hinter dem Bedürfnis "Wertschätzung" steckt. Und es gibt vielleicht sogar noch ein paar Anregungen, wie du mehr davon in deinem Leben haben kannst. Neugierig? Dann komm' mit ...
Wertschätzung - wünschen wir die uns nicht alle irgendwann mal? "Was steckt denn eigentlich hinter diesem Wort?", habe ich mich gefragt. Was meinen wir wirklich, wenn wir "Wertschätzung" sagen?
Wenn wir eine Sache oder eine Person wertschätzen, dann "schätzen" wir ihren "Wert". Wir nehmen wahr, wie die Person in unserem Leben wirkt, wie sie zur Erfüllung von Bedürfnissen beiträgt, wir sehen die Person in ihrer Schönheit und freuen uns darüber, wie uns das berührt. Wir sind dankbar, dass es diese Person gibt und dass sie uns, vielleicht auch nur in einem einzigen kurzen Moment unseres Lebens, unvoreingenommen gesehen hat. Wenn wir in der U-Bahn freundlich angelächelt wurden, wenn ein Restaurantgast hinter uns her eilt, um uns unser liegen gelassenes Handy zu bringen, wenn die Grenzbeamtin uns vergnügt einen schönen Tag wünscht.
Schön und gut, wie können wir aber nun genau vorgehen, wenn wir uns unser Bedürfnis nach Wertschätzung erfüllen wollen? Die Wertschätzung anderer Menschen können wir schließlich nicht erzwingen. Davon einmal abgesehen ist es nicht dienlich, uns und unser Wohlergehen von Anderen abhängig zu machen. Wenn Wertschätzung geschieht, ist sie ein Geschenk. Wir können sie nicht erwarten oder als Grundrecht betrachten. Wenn wir uns Wertschätzung wünschen, sind wir, wie bei allen unseren Bedürfnissen, selbst dafür verantwortlich, für die Erfüllung dieses Bedürfnisses zu sorgen.
"Wie bitte?", sagst du vielleicht, "Wie soll man sich denn selbst etwas geben, das man von Anderen bekommen will?" Dazu später mehr. Wir wünschen uns also Wertschätzung. Wünschen können wir uns natürlich vieles. Aber erwarten? Dann sollten wir uns an unseren eigenen Erwartungen messen lassen. Ich persönlich wünsche mir auch, wertgeschätzt zu werden - gleichzeitig fallen mir gleich mehrere Beispiele ein, wo ich selbst andere nicht wertgeschätzt habe. Ich habe mich nicht bedankt, als der Kellner mir mein Getränk serviert hat. Ich habe im Supermarkt an der SB-Kasse bezahlt, anstatt der Kassierin ein Lächeln zu schenken. Ich habe einem Radfahrer die Vorfahrt genommen. All so etwas passiert uns allen ständig. Und es passiert aus gutem Grund: Wir erfüllen uns gerade andere Bedürfnisse, die im Vordergrund stehen. Vielleicht bin ich gerade ins Gespräch vertieft und erfülle mir Verbindung mit den Menschen an meinem Tisch. Vielleicht bringt es mir nach einem anstrengenden Tag Leichtigkeit und Erholung, nicht mit einem anderen Menschen in Kontakt treten zu müssen. Vielleicht ist mein Bedürfnis nach Gesehenwerden so groß, dass ich nicht die Energie finde, auf Andere zu achten.
Es wird schnell klar: Erwartungen sind nicht lebensdienlich. Wir können die Wertschätzung anderer nicht erzwingen. Genauso wenig, wie wir die Erfüllung unserer sonstigen Bedürfnisse von Anderen erwarten können. Das mag für viele absurd erscheinen. Schließlich gibt es doch so etwas wie "guten Ton" oder ein Mindestmaß an Menschlichkeit! Außerdem ist es doch wohl nicht zu viel verlangt, dass ich mal ein Dankeschön höre, wenn ich hier die Dreckwäsche wegräume, oder?
Nun, das hängt davon ab, welches Zusammenleben du dir wünschst. Möchtest du gerne ein Mindestmaß an Höflichkeit (das du selbst nicht immer erfüllen kannst), auch wenn es nicht authentisch ist? Oder magst du in einem aufrichtigen Miteinander Wertschätzung als ein Geschenk betrachten, das von Herzen kommt?
Ich wünsche mir eine Welt, in der mir Dinge von Herzen geschenkt und nicht "abgeliefert" werden, weil "es sich so gehört". Ich möchte aufrichtige Begegnungen haben. Ich möchte meine Energie nicht darauf verwenden, mich ständig darüber aufzuregen, wenn ich nicht gegrüßt, übersehen, mein Termin vergessen wurde. Und ja, das bedeutet - Achtung: revolutionärer Gedanke!!! - dass ich die volle Verantwortung dafür übernehme, mir meine Bedürfnisse zu erfüllen. "Oh Schreck!", denkst du jetzt, "Das klingt anstrengend!" Hm. Ich kann mich noch erinnern, wie anstrengend ich es früher fand, mir selbst in meinem Kopf zuzuhören. Wer sich nicht alles "unmöglich" verhalten hatte! Was für eine Unberschämtheit dies und das war! „Wie kann man nur so sein?“
Mittlerweile habe ich für mich eine neue Entdeckung gemacht: Eigenverantwortung bedeutet Freiheit. Ich befreie mich von meinen trennenden Gedankenkonstrukten. Wenn es mir gelingt, diese loszulassen (was nicht immer, aber immer öfter der Fall ist), und ich Verantwortung für mich übernehme, fühle ich mich enorm wirksam. Ich befreie mich aus meinen ewig gleichen Narrativen darüber, wer denn nun Schuld ist, und sehe mich. Ich nehme mich und meine Bedürfnisse nicht nur wahr, sondern auch ernst.
Darin liegt meines Erachtens der Schlüssel für das Bedürfnis Wertschätzung: Beginne bei dir selbst. Es ist banal und gleichzeitig frappierend: Wenn du sich selbst nicht wertschätzt - wie sollen es dann andere tun?
Dein Job besteht nun darin, dir Strategien zu überlegen, wie du dir selbst Wertschätzung schenken kannst. Es beginnt dabei, erst einmal achtsam zu sein und wahrzunehmen, wie du zu deinem Leben beträgst. Lies noch einmal den 3. Absatz dieses Artikels, dieses Mal aus der Sicht: Wie schätze ich mich selbst wert? Kann ich mich in meinem eigenen Leben als diese wertvolle Person betrachten?
In einem zweiten Schritt kannst du anfangen, dir dafür Dankbarkeit auszudrücken. Hier ist vieles denkbar. Du kannst ein Dankbarkeitstagebuch führen. Du kannst dir in Momenten, in denen du dir selbst dankbar bist, eine Sprachnachricht schicken. Du kannst deinem Spiegelbild etwas sagen, das du heute an dir bemerkt hast und das dir geholfen hat. Du kannst mit einem Freund einen regelmäßigen Termin vereinbaren, bei dem ihr euch gegenseitig erzählt, wofür ihr euch (und evtl. auch der jeweils anderen Person) dankbar seid. Die Möglichkeiten sind unendlich, und du bist die Expertin für dein Leben.
Eine weitere Inspiration dazu, wie du dir selbst Wertschätzung schenken kannst, findest du in meiner Podcast-Folge „Kingspiration - Wertschätzung üben“.
Und dann, wenn du gut für dich gesorgt hast, kannst du in die Welt dort draußen hinausgehen und versuchen, sie mit anderen Augen zu betrachten und auch dort achtsam zu sein. Wenn du spürst, dass dir etwas geholfen hat, deinen Alltag erleichtert hat oder dir einfach Freude bereitet hat, dann sage das doch einfach mal. Warum nicht eine wildfremde Person ansprechen und sagen: "Darf ich Ihnen mal Danke sagen? (An dieser Stelle auf eine Rückmeldung warten und diese respektieren! Wenn die Person bereit ist, Dankbarkeit anzunehmen, dann weitersprechen.) Als Sie mir gerade die Tür aufgehalten haben, war ich so beglückt, gesehen zu werden - das hat mir einfach gut getan." Warum nicht mal der Klassenleitung schreiben, wie liebevoll gestaltet du den letzten Elternabend fandest? Warum nicht mal den Menschen in der Fahrradwerkstatt von Herzen für die schnelle Reparatur danken? Seit ich solche Dinge öfter mache, erlebe ich mich als wirksam. Ich bin nicht davon abhängig oder dem ausgeliefert, was mir widerfährt, sondern gestalte aktiv mit und trage auch zum Leben anderer Menschen bei. Das wiederum macht mich sichtbar, und so kann es vielleicht sogar passieren, dass ich und mein Wirken auch mehr wertgeschätzt werden.
Dabei ist die Haltung entscheidend. Wenn ich nett zu Anderen bin, damit sie nett zu mir sind, dann ist das nicht lebensdienlich im Sinne eines wertschätzenden Miteinanders, denn ich sehe meine Bedürfnisse als übergeordnet an. Umgekehrt sind mit einer wertschätzenden Haltung oftmals nicht viele Worte nötig, um diese auszudrücken. Es reicht vielleicht ein Blick, ein Nicken, ein Lächeln. So könnte doch ein Anfang aussehen. Beim nächsten Mal, wenn du in den Spiegel schaust, zeige dir selbst gegenüber eine kleine Geste der Wertschätzung. Wie wär's?

